Australien, CamperLife

Das ungarische Paprikasoßenleben

Unser Leben wird weitgehend von den immer gleichen wiederkehrenden Pflichten und Freuden bestimmt. Für gewöhnlich leben die Menschen im Alltag ihren Stiefel runter, ohne sich als zu große Gedanken über Sinn und Bedeutung ihres irdischen Daseins zu machen. Die persönliche soziale Blase gibt dabei die ungefähre Marschrichtung vor, an der sich der Einzelne orientieren kann. Etwaige Veränderungen in diesem Umfeld werden über einen gewissen Zeitraum an das von der Mehrheit empfundene „Normal“ adaptiert. Durch die fortschreitende globale Digitalisierung im 21. Jahrhundert erfährt dieser eigentlich schleichende Prozess eine Beschleunigung zu einem gefühlten Echtzeiterlebnis und verlangt von uns Menschen mit steigender Taktung die maximale soziale Anpassungsfähigkeit ab.  

Bei der Reflexion unseres Lebens sprechen Angie und ich sehr häufig über dessen Sinnhaftigkeit und Bedeutung. Als typisches kinderloses Paar mit einem Leben im Überfluss von verantwortungsfreier Zeit, steht immer wieder die Frage im Raum, wie wir die vorhandene aber begrenzte Zeit anderweitig sinnstiftet gestalten könnten.   

Für uns völlig untypisch leben wir seit gut 6 Jahren am gleichen Fleck hier in Perth, wo es definitiv sehr schön ist und mit vielen Vorteilen einhergeht. Nichtsdestotrotz spüren wir aber bereits seit einiger Zeit den Drang nach einer Neuausrichtung oder anders formuliert – einer signifikanten Abwechslung vom Alltag. Da sich zudem mit Beginn der Corona Krise unser internationaler Reiseradius mehr als begrenzte und somit auch unsere alljährlichen temporären Auszeiten ausfielen, widmeten wir uns verstärkt der Frage, wie dem am besten ein Schnippchen zu schlagen wäre.   

Und so war der Gedanke nicht allzu fern bei unserem neuen „Lust for Life“ auf die Mobilität unseres Lebensmittelpunktes zu setzen, so ungefähr nach dem Motto – „Zu Hause ist dort, wo der CamperVan geparkt ist“. Einhergehend damit bekämen wir alle drei Dinge – Leben, Arbeiten und Reisen – unter einen Hut.  

Grundsätzlich sei noch angemerkt, dass sich Australien für ein solches Vorhaben natürlich bestens eignet. Ganzjährig warmes Klima, easy Lifestyle, riesiges abwechslungsreiches Land und flexible Arbeitsmodelle sind da nur einige Punkte die unser Vorhaben erleichtern sollten.  

Die Idee war geboren und schrie nun förmlich nach ihrer Umsetzung. Als Ausbauteam mit beschränktem Talent sammelten wir zunächst alles zum Thema Camper, beginnend mit der Fahrzeugwahl. Neben Neu- oder Gebrauchtwagen stellte sich hauptsächlich die Frage nach dem Modell bzw. dessen Größe. Wer mit offenen Augen durch die Welt läuft, wird vielleicht schon bemerkt haben, dass sich das mögliche Teilnehmerfeld recht schnell eingrenzen lässt. Die drei verbleibenden Namen im Raum sind Sprinter, Ducato und Crafter. Relativ schnell kristallisierte sich für uns der Fiat Ducato als passender Kandidat heraus. Fiiiaat??? Ok, ein Fiat wäre bei uns im PKW Bereich sicherlich nicht die erste Wahl. Da würden wir als gute Deutsche eher auf Mazda oder Toyota zurückgreifen. Die sind zuverlässig und dabei noch preisgünstiger als deutsche Modelle und würden uns auch von A nach B bringen. Der Nutzfahrzeugbereich ist diesbezüglich aber etwas anders gestrickt. Der Ducato ähnelt hier eher dem deutschen Michel – keine Sexbombe, aber er tut was er tun muss und das relativ zuverlässig. 

Wir haben aber auch mit dem Gedanken an einen Mercedes Sprinter gespielt, verwarfen diese Auswahl aber aus verschiedenen Gründen. Zunächst wäre da der wesentlich höhere Grundpreis sowie die in Australien exorbitanten Unterhaltungskosten. Des Weiteren sehen wir den Grundriss des Sprinters als nachteilig zu dem von uns beabsichtigten Verwendungszweck. Der Sprinter ist verglichen mit dem Fiat Ducato wesentlich schmaler und mehr zulaufend in der Höhe. Da wir mit einem fest eingebauten Bett quer zur Fahrtrichtung geplant haben, hätte die mögliche Bettbreite nur ein Schlafen in Embryohaltung erlaubt. Der Ducato ist im Vergleich hingegen wesentlich breiter sowie eher quadratisch geschnitten. Unser Bett hat heute somit eine Länge von 187 cm – die für Thomas seine Einsachtzig locker reichen. Zum anderen ermöglicht die größere Breite des Ducato ein optimaleres Layout im Hinblick auf den möglicheren Stauraum in den Schränken sowie bei der Größe der Küche. Da wir mit einem permanenten Leben im Wohnmobil planen ist der verfügbare Stauraum eine wichtige Schlüsselposition. Ein VW Crafter haben wir eigentlich nie in Erwägung gezogen, da dieser mit ähnlichen Einschränkungen wie der Sprinter aufwartet. 

Nun gut, das Modell hatten wir, blieb nur noch die Frage ob es ein Neu- oder Gebrauchtwagen werden soll. Nach einigen Wochen der Marktsondierung legten wir uns auf einen Neuwagen fest. Warum? In Australien werden die Ducatos hauptsächlich von Speditionen neu gekauft und nach drei Jahren abgestoßen. Mit drei Jahre Alter hätten wir noch das geringste Problem gehabt, mit 350.000 km auf der Uhr sowie einem relativ geringen Wertverlust von nur 30-40% schon. Da das Angebot an Fiat Ducatos in Australien regelmäßig recht überschaubar ist sowie die Corona Krise noch Lieferengpässe verursachte war Eile geboten, um noch einen Neuwagen der auslaufenden Serie zu bekommen.  

Am 13. Juni 2020 war es dann soweit und wir konnten einen der letzten Ducatos unser Eigen nennen. Entschieden haben wir uns für die größte in Australien erhältliche Variante mit fast 6.40 m Länge, einem mittelhohen Dach und 180 Dieselpferde unter der Haube. Das Wichtigste am Fahrzeug ist aber die zulässige Gesamtmasse von 4.2 Tonnen, was bedeutet jede Menge Möglichkeiten der Zuladung für meine Sammlerin.   

Wir könnten uns nun stundenlang darüber auslassen, welche Hürden wir beim Ausbau zu meistern hatten, was euch aber wahrscheinlich recht schnell langweilen würde. Daher halten wir uns kurz und verweisen auf den Bildanhang. Das größte Problem beim Ausbau ist eigentlich die richtige Reihenfolge der Arbeitsschritte zu finden, um nicht vor dem Dilemma zu stehen, etwas bereits Verbautes wieder entfernen zu müssen, da der Zugang für etwas anderes fehlt. Selbst mit einer intensiven und gut geplanten Vorbereitungsphase, dem Studium hunderter You-Tube Videos, Instagram Post und Blogeinträgen ist dieses Malheur aber nicht 100% auszuschließen. 

Und, wartet ihr schon auf diesen Satz? Ja genau, beim nächsten Mal würden wir einiges anders machen. Das zweite Problem was wir hier insbesondere in Western Australien hatten, ist die Beschaffung aller benötigten Materialien. Der gemeine WA´ler fährt kein Wohnmobil sondern ein geländegängiges Fahrzeug mit einem geländetauglichen Wohnanhänger – ein gewaltiger Unterschied zum normalen Wohnmobil. 

Die Suche und Beschaffung aller benötigten Teile / Ausstattung hat Angie wahrscheinlich einige Lebensjahre gekostet. Des Weiteren bedurfte es eines geeigneten Platzes, um den Umbau zu realisieren. Zum Glück waren und sind wir in der glücklichen Lage das Grundstück unseres Freundes Adam zu nutzen. Allerdings nur unter freiem Himmel, was aber hier nur im Winter, aufgrund des regnerischen Wetter, ein Problemchen ist. Und los gings! Für mehr als ein Jahr arbeiteten wir jeden Freitag bis Sonntag am Van und sind nun in der glücklichen Lage die Fertigstellung zu verkünden.  

Was ist geplant?   

Nicht so sonderlich viel. Wir sind bereits zu einer zweimonatigen Testreise gen Norden von Western Australien aufgebrochen, um unser Gefährt auf Herz und Nieren zu testen. Anfang November, sofern Corona bzw. etwaige Lock-Downs nicht dazwischen kommen, planen wir wieder in Perth zu sein, um der Hochzeit zweier guter Freunde beizuwohnen. Den Sommer (Winter in Europa) möchten wir im Süden von WA verbringen, um danach wieder mit den Jahreszeiten gen Norden zu ziehen. Wir planen in Broome zu überwintern, leben und arbeiten, und lassen alles danach dem Zufall entscheiden. Grundsätzlich möchten wir aber Australien umrunden, wir denken mehrfach, wobei wir aber auch mit den Gedanken an eine Europatour spielen – das aber ist Zukunftsmusik.  

Bevor wir es vergessen – unser CamperVan hat auch einen Namen – „Mr. Happy“ – abgeleitet von den ersten Buchstaben unseres Kennzeichens.   

Wir werden also in der nächsten Zeit wieder verstärkt Reiseberichte auf unserem Blog posten bzw. die anderen sozialen Medien bebildern, wenn es passt.   

In diesem Sinne wünschen wir euch eine schöne Zeit.

Ganz liebe Grüße aus Western Australien

Angie & Thomas

Unserer Ausbau im Zeitraffer

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