Deutschland, Iran, Rumänien, Türkei, Ungarn, Zugreise

Zug um Zug

Location: zwischen Teheran und Weißwasser
Wetter: eher kalt als warm
Zeitunterschied: von +2,5 Std. bis 0 Std.

1. Trans-Asia-Express / Teheran-Istanbul – 72 Std.
Gespannt warteten wir seit gut zwei Stunden im Terminal 2 des Teheraner Bahnhofs auf die Aufforderung zum Besteigen des Zuges. Um uns die Zeit zu vertreiben, scannten wir schon einmal im Wartesaal die Gesichter der anderen Reisenden und frugen uns, wer sich wohl ein Abteil mit uns teilen wird. Gegen 21:30 Uhr fiel der Startschuss. Bei der Taschenkontrolle der iranischen Polizei fielen wir glatt durchs Raster. „You German“? Ohne groß Notiz von uns zu nehmen, winkt uns der Polizist durch die Kontrollstelle. Wie wir später erfuhren, wird vorrangig nach Alkohol und erotischen Filmen gesucht. Wie der Beamte richtig erkannt hatte, haben wir mit solch verruchten und lasterhaften Dingen nichts am Hut.

Der Schlafwagen der iranischen Bahn war nicht der Neuste kann aber durchaus als ordentlich und geräumig beschrieben werden. Mit vier ausziehbaren Sitzen unten und zwei  Klappbetten oben war er mehr als geräumig. Genug Platz… nur für uns zwei…???
Schon auf den ersten Anblick wirkte sie zu modern für die durchschnittliche iranische Frauenwelt. Der Schleier verhüllte nur die Hälfte ihres Kopfes, sodass die rot gefärbten Haare mehr als deutlich sichtbar waren. Die Designerbrille Modell „Fensterrahmen mit schwarzweißer Konträrlackierung“ passte ebenfalls nicht zur typischen iranischen Uniformität, hatte sie doch mindestens eine Farbe und vier Ecken zu viel.
Nachdem auch sie ihren Platz im Abteil gefunden hatte und wir alle bequem saßen, starteten wir mit zaghaften Kommunikationsversuchen. Ein Problem galt es aber zunächst einmal zu lösen: drei Personen beherrschen fünf Sprachen und verstanden sich trotzdem nicht. Um eine erste Brücke zu bauen, wählten wir eine Methode die schon seit Urzeiten Menschen zusammenbringt – Das Reichen von Speis und Trank – versteht jeder und ist meist selbsterklärend. Nach ein paar nonverbalen Gesprächsminuten mit jeder Menge Essen waren zumindest die Rahmendaten ausgetauscht. Omera, wie unsere Mitreisende hieß, ist Iranerin, lebt aber seit Jahren in der Türkei. Sie hatte ihre Eltern besucht und fuhr nun wieder nach Ankara zurück.
Die erste Nacht im Zug war schnell vorbei. Am Morgen stand das Zugpersonal pünktlich um 08:30 Uhr vor der Tür und servierte das Frühstück. Omera versorgte uns obendrein auch noch mit Kaffee, Brot, Marmelade und Käse und schlüpfte so Schritt für Schritt in die Rolle unserer Mutti im Zug.
Am Nachmittag erreichten wir die iranisch – türkische Grenze bei Razi / Kapiköy. Zunächst konnten wir wiedermal die Uhren zurückstellen und zwar um 1,5 Std. und waren so der Heimat Deutschland zeitlich ein weiteres Stück näher gekommen. Die Grenzkontrolle zog sich dann über 4 Stunden hin und nervte zum Schluss gewaltig. Am Abend setzte sich der Zug wieder in Bewegung und fuhr weiter in Richtung „Van“. In der Stadt „Van“, welche vor kurzem durch ein schweres Erdbeben heimgesucht wurde, wartete eine Besonderheit der Reise auf uns. Wir mussten vom Zug auf eine Fähre umsteigen. Bei leichten Minusgraden überquerten wir zur nächtlichen Stunde in knapp 5 Stunden den „Lake Van“. Nach unserer Ankunft am Morgen in „Tatvan“ bestiegen wir den türkischen Zug, der uns in Richtung Istanbul bringen sollte.
Wie beschäftigten wir uns so den ganzen Tag? Eigentlich wechselten sich Schlafen, Essen und aus dem Fenster gucken immer wieder ab bis es wieder dunkel wurde und die Abfolge von vorn begann. Nach hinten wurde es schon ganz schön langweilig. Am Mittag des dritten Tages verließ uns dann Omera, nachdem wir in Ankara eingetroffen waren. Wir saßen noch neun weitere Stunden im Zug bis wir unser lang ersehntes Ziel Istanbul erreicht hatten. Nach der Ankunft im alt ehrwürdigen Istanbuler Bahnhof „Haydapassa“ mussten wir zunächst mit der Fähre zum europäischen Teil Istanbuls übersetzen. Nach weiteren vier Stationen mit der Straßenbahn und zehn Minuten Fußmarsch standen wir endlich unter der Dusche in unserem gemütlichen Hostel unterhalb der „Hagir Sofia“.

In Istanbul vertrieben wir uns die nächsten zwei Tage mit ein wenig Sightseeing und dem Versuch Weihnachtsgeschenke zu kaufen. Dieser scheiterte aber nach einigen Stunden, da wir keine Menschenmassen auf Basaren und in Einkaufszonen mehr vertragen konnten. Die Stadt ist übrigens wirklich sehenswert und wunderschön. Wir empfehlen aber trotzdem die wärmeren Monate für einen Besuch, um Istanbul im strahlenden Grün erleben zu können. Ein sehr gutes Ziel für ein verlängertes Wochenende, wie wir meinen.

2. Bosporus Express / Istanbul – Bukarest – 21 Std.
Gerade einmal drei Waggons fanden wir am späten Abend am Istanbuler Bahnhof „Sirkeci“ vor, als wir den Zug mit dem hochtrabenden Namen „Bosporus Express“ erreichten. Zwei Wagen der türkischen und einer der rumänischen Eisenbahn standen zur Abfahrt bereit. Der dunkelrote rumänische Wagen beherbergte unsere Betten. Das Innere überraschte uns dann aber positiv. Unser Abteil war ein Schmuckstück aus längst vergangenen Tagen. Die Kabine war komplett mit dunklem Holz getäfelt, ein Waschbecken mit Spiegelschrank in der Ecke, zwei geräumigen Betten und jede Menge nützliche Details gehörten zur Ausstattung. Bei näherer Betrachtung stellten wir fest, dass das gute Stück irgendwann der Deutschen Bahn gehörte.
Pünktlich um 22:00 Uhr startete unsere nächste Zugreise gen Heimat. Gleichzeitig öffneten wir ein Fläschchen Rotwein, um den Abend gemütlich ausklingen zu lassen, bevor wir müde in die Betten fielen. Grau in Grau bestimmte den gesamten nächsten Tag als unser Zug von Süd nach Nord Bulgarien durchquerte und Kurs auf Bukarest nahm. Auch auf rumänischer Seite wurde es später nicht besser. Mit nur 30 Minuten Verspätung erreichten wir Bukarest, die Hauptstadt Rumäniens. Nach unserer Ankunft kauften wir zunächst die Tickets für den nächsten Abend nach Budapest. Bei strömenden Regen verließen wir den Bukarester Nordbahnhof und begaben uns auf die Suche nach dem Bus in Richtung unseres Hostels. Trotz widriger äußerer Bedingungen bahnten wir uns den Weg bis zu unserer Unterkunft, wo wir den Abend mit Internet und georderter Pizza ausklingen ließen.
Den nächsten Tag nutzten wir zu einer kleinen Runde durch die Stadt. Unser erstes und einziges geplantes Ziel war das rumänische Parlamentsgebäude. Wer sich noch an unseren Bericht aus Peking erinnert, dem wird vielleicht auch noch der beiläufig erwähnte Gigantismus eines gewissen Nicolae aus Bukarest etwas sagen. Dieses Gebäude begründete diesen. Der riesige Palast, welcher übrigens das zweitgrößte Gebäude der Welt nach dem Pentagon ist, verfügt über mehr als 5.100 Räume auf einer Grundfläche von 65.000 m². Wer hier Hausmeister werden möchte, benötigt neben einem Studium der Bauwissenschaften auch einen ehrlich erworbenen Doktortitel im Bereich der Kartographie. Defizite in diesem Bereich werden durch das Gebäude meist durch Einsamkeit bis zum Eintreten des Hungertods bestraft.
Bukarest überraschte uns wirklich angenehm. Im Voraus hatten wir uns die Stadt irgendwie unansehnlicher vorgestellt, warum auch immer. Dies ist aber auf keinen Fall zutreffend. Zumindest die Innenstadt verfügt über eine große Anzahl an alten restaurierten Gebäuden und erinnert in Teilen stark an Wien oder Paris. Wenn dann noch im Frühjahr das Grün der Pflanzen hinzukommt, ist auch Bukarest ein lohnendes Ziel für den Wochenendtrip.

3. Bukarest – Budapest – 15 Std.
Am Abend, kurz vor unserer Abreise nach Budapest, fühlten wir uns etwas gerädert. Angie quälten wiedermal Gelenkschmerzen am ganzen Körper und bei mir fuhr der Magen – Darmtrakt ausgiebig Achterbahn. Im Großraumabteil der rumänischen Bahn nahmen wir an einer vierer Sitzgruppe mit Tisch Platz und begossen die Abfahrt gleichmal mit einer Flasche „Rotes Wässerchen gewachsen am lehmigen Südhang“. Und dieses wirkte Wunder. Angie schlief nach der Einnahme direkt ein und ich konnte in Ruhe diese Zeilen schreiben, nachdem Besuch der saubersten Zugtoilette unser gesamten Reise. Die für unsere Verhältnisse recht kurze Fahrt durch die verschneiten rumänischen und ungarischen Landschaften fand am Morgen ihr Ende am Bahnhof Keleti in Budapest. Da es am Abend bereits weiter nach Berlin gehen sollte, sparten wir uns natürlich ein Hotel in der ungarischen Hauptstadt. Die fehlende Dusche konnten wir ein wenig später an anderer Stelle genießen. Nachdem unser Gepäck am Bahnhof verstaut war, machten wir uns auf den Weg zum wohl bekanntesten Thermalbad in Budapest – dem „Gellèrt Bad“. Auf den ersten Blick versprüht diese Institution des mondänen Badesspasses auch noch den Charme längst vergangener Tage. Beim Betreten der heiligen Hallen setzte dann aber auch bei uns die Ernüchterung ein. Neben dem unfreundlichen Personal ließ die Sauberkeit sowie der allgemeine Zustand des Bades zu wünschen übrig. Zumindest waren wir geduscht. Nach dem Badevergnügen liefen wir an der Donau entlang in Richtung der Fischer Bastei und statteten dieser noch einen kurzen Besuch ab, bevor wir zum Bahnhof zurückkehrten.

4. Budapest – Berlin – 13 Std.
Ein kalter Wind pfiff um die Ecken im Budapester Stadtteil Keleti, als wir den „Spar Markt“ in der Nähe des Bahnhofs verließen. Bis auf ein paar Münzen hatten wir all unser Papiergeld in Flaschen und Büchsen eingetauscht, welche uns die letzten 13 Stunden bis Berlin verkürzen sollten. Schon beim Bezug unseres sechser Abteils informierten wir uns beim Schaffner darüber, wie lange am heutigen Abend Party möglich ist. Zu unserem Leidwesen sollten die nächsten Fahrgäste bereits in Bratislava zusteigen, sodass wir für die Leerung unserer Getränke nur knapp 2,5 Std. Zeit hatten, bevor die Betten herunter geklappt werden sollten. Mit dem Erreichen von Bratislava waren bei uns aber bereits alle Messen gesungen. Ein Geruch aus Bier und Wein lag in der Luft und begrüßte unsere Mitreisenden, die wahrscheinlich gleich einen guten Eindruck von uns bekamen. War uns zu diesem Zeitpunkt auch egal. Wir drehten uns um und schliefen weiter. Als wir am Morgen aufwachten, standen wir gerade im Bahnhof von Dresden. Der rote Traubensaft hatte wieder ganze Arbeit geleistet.
Da lag sie nun vor uns… die Heimat. Irgendwie konnten wir aber noch nicht so richtig realisieren wieder zu Hause zu sein. Es fühlte sich für uns zunächst wie die Ankunft in jedem beliebigen anderen Land an… noch. Gut eine Stunde später sollte sich das aber grundlegend ändern. Dazu aber beim nächsten Mal mehr.

Wir verbleiben mit ganz lieben Grüßen

Eure zwei Weltreisenden
Angie & Thomas

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