Japan

Die Kopfnotenstreber

Sushi, Sony, Samurai, Hiroshima, Karate, Casio, Toyota, Shinkansen, Ninja, Fukushima, Geisha, Manga, Kamikaze, Mt. Fuji, Sumo…. Alphaville??? – Na klar… alles „Big in Japan“.

Auf der Suche nach einer passenden Einleitung lasse ich einfach mal meinen Gedanken freien Lauf und schreibe alles auf, was mir spontan zu NIPPON, dem „Land der aufgehenden Sonne“ so einfällt. Japan strahlt eine besondere Faszination aus und zieht Reisende neben der landschaftlichen Vielfalt vor allem mit seiner außergewöhnlichen Kultur sowie den immer freundlichen und hilfsbereiten Menschen in ihren Bann. Es ist daher auch nicht verwunderlich, dass das rücksichtsvolle Miteinander der Menschen einen wichtigen Grundpfeiler der japanischen Kultur bildet. So wie der Teufel das Weihwasser scheut, vermeiden es Japaner tunlichst, ihre Mitmenschen in irgendwelche Unannehmlichkeiten zu bringen. Wer an einer perfekten Beschreibung der japanische „Contenance“ interessiert ist dem helfen vielleicht die Zeilen des §1 der Deutschen Straßenverkehrsordnung. Schon bei unserer ersten Fahrt mit der Metro kommen wir mit diesem Regelwerk in Schwulitäten und schlittern „fortissimo“ über akustisches Glatteis. Um es diplomatisch zu formulieren, korrespondiert die Lautstärke unseres Gespräches nicht mit den landestypischen Gepflogenheiten, sodass der Einheimische uns mit bohrenden Blicken zu mehr Rücksicht ermahnen muss. Auch die in aller Welt bekannten Szenen beim Ein- und Aussteigen auf den Bahnhöfen gestalten sich in der Realität weit weniger kompliziert als erwartet, folgt doch die Masse stur und ohne zu murren allen Vorgaben und Anweisungen. Ähnlich verhält es sich mit der Ordnung im öffentlichen Raum. Das absichtliche Weglassen von Papierkörben zwingt den Einzelnen zur Recycling-Kreativität. Wer unterwegs Müll produziert muss diesen zum Entsorgen wieder mit nach Hause nehmen. Die Realität bestätigt das Funktionieren des Konzepts.

Die thematische Charakterisierung des Reiseberichtes liegt daher förmlich auf der Hand. Auch wenn die Begrifflichkeit mit einem negativen Grundrauschen daherkommt, treffen doch Kopf und Nagel so gekonnt zusammen, dass der Zweck die Mittel heiligt. Ungeachtet dessen möchte ich den Gedanken weiterspinnen und fragen, wo bei so viel gepflegtem Umgang die menschliche Sau ihren AUSLAUF erhält? Prost!

Wir starten in Tokio und wollen uns zunächst einen Überblick verschaffen. Eine gute und preisgünstige, nämlich kostenlose Möglichkeit bietet das Gebäude der Stadtverwaltung mit ihrer in 202 m Höhe befindlichen Besucherplattform. Schon die reine Höhenangabe macht deutlich, dass es sich nicht um irgendein provinzielles Rathaus handelt, sondern den Dimensionen Tokyo`s entspricht. Aber selbst von hier oben wird es mit dem Überblick schwierig. Egal in welche Richtung wir blicken – Tokio. Der Wahrheit verpflichtet sei aber angemerkt, dass man bei klaren Wetterlagen das Nationalheiligtum am Horizont zu Gesicht bekommen kann. In unserem Fall gibt es leider nur „Futschikato“!

Tokio kommt architektonisch eher zweckmäßig daher, wobei diese Regel, wie so oft, von der Ausnahme bestätigt wird. Die meist gedeckt farbigen, erdbebensicheren Zweckbauten erhalten häufig und je nach Nutzung farbliche Verschönerungen in Form traditioneller Symbolik, großflächiger Werbung oder beides in Einem. Der generelle Platzmangel in der Metropole führt zu einem sehr effizienten Umgang mit dem vorhandenen Raum, der aber nicht so bedrückend wirkt, wie man das vielleicht annehmen könnte. Auch die Masse an Menschen verteilt sich mit Ausnahme der hoch frequentierten Verkehrsknoten, Business Distrikten oder Einkaufsstraßen geradezu vorbildlich. Abseits der genannten Lebensadern lassen sich nicht selten fast kleinstädtische Verhältnisse ausmachen. Grundsätzlich sei noch angemerkt, dass Japan in Bezug auf die Bausubstanz nicht so modern daherkommt, wie man das vielleicht vermuten könnte. Man kann deutlich erkennen, dass Vieles bereits in die Jahre gekommen ist. Nichtsdestotrotz funktioniert fast alles reibungslos und ist blitzblank sauber.

Wir möchten euch zwei typische Stadtbezirke empfehlen, die Tradition und Moderne in sich vereinen. Da wäre zunächst der Stadtteil Asakusa, der den meist besuchten Tempel Tokios (Sensö-ji) beherbergt sowie mit jeder Menge traditioneller Restaurants und Shops Besucher anlockt. Des Weiteren lohnt sich der Besuch des Meiji-jingü Tempel in Yoyogi. Die in einem stat(d)lichen Wald befindliche Anlage bietet dem gestressten Touristen neben kultureller Inspiration auch Gelegenheit zur Einhaltung von Ruhe- und Rastzeiten. Wer sich frisch gestärkt wieder in den Trubel der Stadt stürzen möchte, der braucht nur gut 300 m um die Ecke laufen und landet auf der berühmten Fashion Street – Takeshita-dori. Wirklich sehenswert. Für die Freunde japanischer Tempel sei noch angemerkt, dass wir euch für weitere Besichtigungen die ehemalige Kaiserresidenz Kyoto wärmstens ans Herz legen, wo diesbezüglich das Sterben des visuellen Todes angeboten wird.

Ein ebenso erholsames wie interessantes Spektakel stellt der Besuch eines Onsen dar – der japanischen Ausführung einer Therme. Strikt nach Männlein und Weiblein getrennt, folgt der Japaner hier einer traditionellen Wasch, Bade- und Saunazeremonie. Nach dem Entkleiden und Ablegen der Sachen reinigt man seinen Körper mit zehn Güssen aus einem kleinen Eimer bevor man in eines der verschiedenen Becken mit Thermalwasser steigen kann oder ein paar Stufen in der Sauna erklimmt. Das Wichtigste aber, neben dem Knüpfen oder Festigen von sozialen Kontakten, stellt die abschließende Waschprozedur dar. Dazu nimmt der Badegast auf einem etwa 30 cm hohen Hocker platz vor dem ein bodennahes Waschbecken montiert ist und auf dessen Rand mehrere Waschlotionen auf ihre Nutzung warten. Während meiner Reinigung stelle ich fest, dass es mit zunehmender Waschdauer schwierig wird halbwegs bequem auf dem Hocker zu sitzen. Auch die mittig befindliche, eiförmige Aussparung des Hockers hilft da nur vorübergehend, um eventuell gequetschten Körperteilen etwas mehr Raum zu verschaffen. Nach drei Mal komplett einschäumen, rubbeln und abduschen kann ich nicht mehr so richtig den Sinn einer weiteren Wäsche erkennen, mit der meine Sitznachbarn sogleich beginnen. Onsen gibt es übrigens zu Hauf im ganzen Land, mal mehr oder weniger traditionell aber immer gut zum Entspannen.

Ein letztes „Must Do“ in Tokio gibt es noch. Akihabara – der Stadtbezirk wo die japanische Popkultur „Otakus“ mit ihrer Anime, Manga oder Cosplay Szene gefeiert wird. Einfach durchlaufen, lachen und Kopf schütteln.

Shinkansen – die japanische Wunderwaffe der bodengebundenen Fortbewegung über große Distanzen. Das japanische Schnellzugsystem ist legender und besticht neben seiner Schnelligkeit vor allem durch Pünktlichkeit. Die wirklich selten auftretenden Verspätungen werden im Jahresdurchschnitt übrigens in Sekunden ausgewiesen und liegen im Mittel um die 20. Wo sich der deutsche ICE das Gleis nicht selten mit dem ein oder anderen Bummelzug teilen muss, heißt es auf dem eigens für den Shinkansen gebauten Streckennetz bei bis zu 320 km/h – „Bahn frei – Reisbrei“. Diesem Umstand ist auch der Name Shinkansen geschuldet, der so viel wie „neue Stammstrecke“ bedeutet. Der schnelle Ritt zwischen den verschiedenen japanischen Großstädten ist aber nicht gerade billig. Für Touristen empfiehlt es sich vorab einen Railway Pass zu erwerben, der dann vor Ort in ein Pappfaltblatt, das als Fahrschein dient, umgetauscht wird. Noch ein paar spezielle Anmerkungen zum Zug. Das Personal im Shinkansen verbeugt sich immer beim Betreten oder Verlassen jedes Waggons vor der versammelten Mannschaft, um diesen für die Mitfahrt zu Danken. Der Zug verfügt des Weiteren über eine Raucherkabine sowie getrennte Toiletten für Weiblein und Männlein, wobei es für Männer noch ein extra Pissuar gibt. Damit alle Gäste immer in Fahrtrichtung sitzen, werden die Reihen vor Beginn jeder Fahrt, wenn nötigt, gedreht.

Wir latschen seit gefühlten Stunden durch Kyoto. Das Zentrum der ehemaligen japanische Kaiserresidenz gleicht der Rittersport Tafel Sushi und fühlt sich wie eine riesige Kleinstadt an. Das in einem offenen Talkessel gelegene Kyoto ist recht übersichtlich und überrascht seine Besucher im Vergleich zu Tokio mit Entschleunigung. Die Menschen wirken nicht so gestresst und wer hier als Aldi-Deutscher im Supermarkt an der Kasse steht, dem wandert nicht selten das Wort „lahmarschig“ im Kopf herum. Wir erreichen die Innenstadt mit ihren überdachten Shopping-Arkaden, die wie so oft eher zweckmäßig als schön sind, aber wie schon in Tokio durch allerlei traditionellen Schnick-Schnack wesentlich einladender wirken. Aber wer kommt schon zum Einkaufen hier her? Kyoto hat 14 Tempel und Schreine und zählt seit Mitte der Neunziger Jahre zum UNESCO Weltkulturerbe. Wir haben uns im Nordosten der Stadt in ein gut hundert Jahre altes Haus eingemietet und starten von hier zu unseren Touren. In Spuckweite von unserem Häuschen befindet sich einer der eindrucksvollsten Tempel der auf den Namen „Goldener Pavillon“ hört. Jedem Holzkäfer würden beim Anblick die Haare zu Berge stehen, sind doch die Wände des fürstlichen Holzhauses mit Gold überzogen.

Kyoto wäre aber nicht Kyoto gäbe es nicht noch eine Steigerung dessen. Das unangefochtene Tempel-Highlight Kyoto`s ist vielleicht nicht so werthaltig wie der „Goldene Tempel“ dafür aber spektakulärer. Der „Fushimi Inari-taisha“ mit seinen gut 1000 Torii Bögen ist der unangefochtene Besuchermagnet Kyotos und stellt zugleich die Vorlage für fast alle Souvenirs und Postkarten der Stadt. Zum anderen ist es ein Ort an dem man zufällig geliebte Freunde aus aller Welt treffen kann. Das müssen wir probieren. Und so warten wir an der Bahnstation vor dem Haupteingang was passiert. Na wer sagt es denn. Dirk, unser Freund aus Namibia klopft Angie auf die Schulter… Na das ist ja mal eine Überraschung. Zwei Jahre nicht gesehen und jetzt laufen wir uns hier über den Weg. Gedankt sei dem Herrn, der die Rugby WM nach Japan ausloste. Wir wussten zwar von unserem gemeinsamen Freund Lutz dass Dirk in Japan weilt, das Zusammentreffen kann aber unter Zufall verbucht werden.

In Kyoto fällt es mir zum ersten Mal wie Schuppen von den Augen – Japaner gehen mit dem Thema Auto pragmatisch um. Ich hege immer noch die Hoffnung, dass dies ein japanischer Trend bleibt. Gut die Hälfte des Fahrzeugbestandes sind mit ihrem Design soweit von Colani entfernt wie Donald Trump von der Wahrheit. Bei näherer Betrachtung drängt sich unweigerlich der Eindruck auf, dass dem Designer nur ein Schuhkarton sowie ein 90 Grad Anschlagwinkel zur Verfügung standen. Bitte überzeugt euch in der Bildergalerie von den mobilen Aussetzern.

Neben all den kulturellen Highlights in Kyoto, die ich hier längst nicht alle abschließend aufgezählt habe, wäre da noch ein günstiger kulinarischer Hinweis. Da den meisten Landsleuten nur Sushi als japanische Spezialität vertraut ist, möchte ich noch schnell die günstigste und beste Alternative diesbezüglich erwähnen – „Hamazhushi“ – der „McDoof“ unter den Rollfischrestaurants bietet Sitzen am Band und Verzehr von Allem was irgendwie unter Sushi fällt. Wir haben das Glück gepachtet, ist doch das nächste Restaurant nur 50 Meter von unserem Schlafplatz entfernt. Fisch-Ahoi.

Das Kontrastprogramm zu Kyoto stellt die Partyhochburg Osaka dar und hier im Speziellen „Dotonbori“. Die Ausgehmeile entlang des Dotomborigawa Flusses ist gepflastert mit unzähligen traditionellen Restaurants und Shops. Eingerahmt wird die gesamte Szenerie von haushohen Reklametafeln, welche die Besucher mit ihrer thematischen und farblichen Auswahl förmlich erschlagen – ein Ort, kreiert, für wenigstens hundert Fotos in der Viertelstunde. Sinnlicher Höhepunkt Nummer zwei ist das Essen. Wo fängt man an, wo hört man auf. Ähnliches Problem wie mit der Kulisse – einfach erschlagend. Einen fraglichen Punkt konnten wir aber noch zumindest in Osaka klären. Es handelt sich hier definitiv um eine AUSLAUFZONE.

Unser letzter Stopp auf japanischem Boden führt uns nach Hakone und steht unter dem Motto „Auf der Jagd nach Mt. Fuji“ oder zumindest ein Bild von diesem. Eine gute Gelegenheit hierfür bietet das Panorama des Ashi See im angrenzenden Nationalpark. Um die landschaftlichen Reize des Parkes voll ausschöpfen zu können, bietet sich eine Fahrt mit einer der historischen Fregatten aus dem 18. Jahrhundert an. Warum man sich gerade für den Nachbau englischer Schiffe entschieden hat, könnt ihr des Nachtens am Sternhimmel nachlesen. Wir sind hartnäckig und wenden unseren Blick in Richtung Mt. Fuji nur zum Luftholen ab. Der Berg ist nämlich ein Problem-Berg, der sich allzu gern hinter Wolken versteckt. Es ist zum Verzweifeln. Ähnlich wie bei einer Moulin Rouge Tänzerin bekommen wir abwechselnd mal die rechte oder die linke Seite zu Gesicht, aber nie Alles. Am Ende des Tages müssen wir uns mit 70 Prozent zufriedengeben. War trotzdem schön.

Unsere Reise durch Japan neigt sich dem Ende entgegen. Fast zwei Wochen tourten wir durch das Land der aufgehenden Sonne und konnten dabei einen ersten Eindruck von Land und Leuten gewinnen. Wir möchten nicht vergessen zu erwähnen, dass wir auch einen Tag in Hiroshima weilten, um uns dort die Gedenkstätten an den ersten Atombombenabwurf anzuschauen. Ein, wenn auch bedrückender, aber lohnender Stopp.

Japan zu bereisen ist einfach und sicher aber kostenintensiv. Als Gegenleistung bekommt man aber jede Menge geboten, begegnet immer freundlichen und hilfsbereiten Einheimischen und wird sich am Ende über eine wunderschöne Zeit freuen.

Unsere Asien Reise geht stürmisch weiter. Nächster Stopp „Stattdessen“.

 

 

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