Südafrika

Eiskalte Leiden(schaft)

Location: Kapstadt
Wetter: durchwachsen – Tendenz klar nach oben
Zeitunterschied: keiner

Wenn sich in Deutschland die ereignisarme Zeit namens Sommerloch mit letzten skurrilen Vorschlägen verabschiedet, das Sommerkleid und die kurze Hose wieder tief im Schrank verschwinden und Jeans und Pulli Einzug halten, erwacht am südlichen Ende Afrikas eine ganzes Land aus dem Dornröschenschlaf. Mit dem Erwachen der Menschen ziehen schlagartig neue Themen in das Bewusstsein ein und signalisieren so den Beginn einer neuen Jahreszeit.
Ganze drei Monate hielt das schlechte Winterwetter die Menschen in Schach und legte sich wie ein grauer Schleier auf das Gemüt. Ab jetzt ist Schluss damit und die Frische und Dynamik des Frühlings lässt die harte und entbehrungsreiche Zeit vergessen.

Wer diese Zeilen liest, dem könnte der Gedanke kommen, dass wir die letzten drei Monate bei Schnee und Minustemperaturen verbracht hätten. Befragt man zu diesem Thema einen Einheimischen würde die Beschreibung des Empfindens ähnlich unserer Einleitung ausfallen. Die Realität zeichnet jedoch ein erheblich andere Bild. Aber wie heißt es so schön…“im Auge des Betrachters“. Viele von euch würden sich wahrscheinlich köstlich amüsieren, wenn Sie an einem regnerischen Wintertag in Cape Town die dick eingehüllten Menschen mit Fellstiefel, Winterjacke und Mütze- Modell „Russischer Panzerfahrer“  bei  15 Grad über dem Gefrierpunkt durch die Stadt schlendern sehen. Auch der hiesige Einzelhandel hat sich wie aus Deutschland bekannt die verschiedenen Jahreszeiten zu nutze gemacht und bietet zum Teil ein für Afrika völlig deplaziert wirkendes Sortiment an, bei dem sich jeder Eskimo die Hände reiben würde.

„Winter“ wird in Südafrika „zelebriert“ als eine Zeit des Leidens und der Entbehrung, man rückt näher zusammen und wärmt sich zu Hause mit vielen Decken und warmen Tee. Die Gedanken der Menschen schwelgen dabei stetig in der nahen Zukunft und singen das immer wiederkehrende Lied „Wann ist mal wieder richtig Sommer“. In diesem Jahr ging alles ganz schnell vorbei, man möchte fast sagen „es brach unerwartet über uns ein“. Der 1. September läutete einen neuen Monat ein und die „Schönwetterperiode“ begann.  Mit den ersten kräftigen Sonnenstrahlen erwachte sofort die Lebensfreude der Menschen. Das Wort „Braai“ war plötzlich in aller Munde und eröffnete die Grillsaison. Es ist wieder Bewegung in der Stadt und die Zahl der Touristen steigt mit jedem Tag. Wir haben es geschafft für diese Jahr – Winter ade..Sommer ahee.

Natürlich sind wir auch in den Wintermonaten nicht ganz untätigt gewesen und haben an unseren freien Tagen jede Menge unternommen. Zu einem der schönsten Erlebnisse dabei zählte zweifellos der Ausflug mit unseren Freunden Alex, Barbara und Yannik nach Hermanus, knapp 2 Stunden östlich von Kapstadt. Nicht nur Menschen finden den kleinen, malerisch am Meer gelegenen Ort anziehend, nein, auch eine große Anzahl an Walen genießt das Leben in der Bucht am Rande der Stadt als Planschbecken – im wahrsten Sinne des Wortes. Insbesonders der Gattung „Eubalaena australis“ oder auch „Südkaper“ genannt, gefällt es in den Gewässern vor Hermanus besonders gut. Aus den Erfahrungsberichten einiger Bekannter hatte wir schon gehört, dass man mit ein bisschen Glück auch mal den ein oder andern Wal springen sehen kann. Auf Walseite hatte man wohl von unserem Interesse gehört und präsentierte bei unserem Eintreffen eine zweistündige Sprungshow unterhalb der Klippen. Vielen Dank dafür nochmals an „Jumpi“ und seine Freunde.

Und wenn man grad mal auf einem geselligen Ausflug ist, läuteten wir am Abend auch gleich noch die „Braai-Saison“ ein. Mit „Braai“ bezeichnen die Südafrikaner unser landläufiges „Grillen“, nur das dieser Brauch irgendwie viel tiefer in der Kultur verankert ist, womit wir wieder beim Wort „zelibrieren“ wären. „Braai“ ist hierzulande eine Lebenseinstellung, wie dem Deutschen sein „Sparstrumpf“. Es gibt einen nationalen Braaifeiertag, den landesweiten Braaimaster und zur Geburt ab und an einen Grill in die Wiege gelegt. Wer keine Möglichkeit zum „Fleischbrutzeln“ hat, erntet aufmunternde Schulterklopfer seiner Mitmenschen.
Was der Südafrikaner kann, können wir schon lange, dachten wir uns und so stand es fest wie das Amen in der Kirche, dass wir am Abend nach dem „Walwatching“ den Grill anschmeißen.
Der Abend endet aus südafrikanischen Sicht indiskutabel, nämlich mit der Pfanne auf dem Herd. Nur Barbara und Yannik hielten im Dauerregen die „Schirme“ hoch über das Feuer und versuchten dem „rohen Fleisch“ den „Gar“ auszumachen. In Anbetracht der Umstände mit einem gutem Ergebnis. Den Abend ließen wir uns aber trotz des schlechten Wetter nicht verderben. Wenn es schon Draussen schüttet, warum nicht auch drin, „Tassen hoch bei Bier und Wein heizt sowohl Körper als auch Stimmung ein“.

So regnerisch der Winter hier auch sein mag, die Feuchtigkeit hat natürlich auch ihr Gutes, insbesondere im Hinblick auf die Pflanzenwelt. Ein Naturschauspiel der besonderen Art, welche in diesem Zusammenhang alljährlich mit dem Einzug des Frühlings einhergeht, lässt sich im „West Coast Nationalpark“ nahe Langebaan bestaunen. Wo in den Sommermonaten die glühende Hitze sowohl die Leiber der Menschen als auch Wiesen und Felder bräunt, präsentiert Mutter Natur am Ende der feuchten Jahreszeit eine beeindruckende Farbpalette. Nur einen Katzensprung außerhalb Langebaans kann man während dieser Zeit ein Meer aus Blumen bewundern, welches sich entlang der hügligen Küste zieht. Beim Blick aus der Entfernung ist man fast geneigt  zu meinen, eine Karawane hätte in der eigentlich kahlen Landschaft ihre riesigen gewebten Sitzmöbel vergessen. Wie so oft in Südafrika liegen aber auch hier die Gegensätzen nur einen handbreit auseinander und machen so den Reiz dieses Landes aus. Kaum fünf Kilometer weiter haben wir die lieblich anmutende Landschaft verlassen und vor uns breitet sich eine endlos wirkende stürmische Küstenlandschaft aus. Eine eiskalte Leidenschaft… dieser Atlantik, mit seinen 12 Grad. Unaufhörlich breiten sich die tosenden Wellen vor den spärlich mit Büschen bewachsenen Dünen aus. Beim diesem Anblick versinkt man zwangsläufig in Gedanken… ein Gefühl aus Stille und Freiheit entsteht. Der Blick in die Tiefe wird hier durch nichts versperrt und endet erst am Horizont, weit draussen auf dem Meer. Gedanken schießen durch den Kopf, ein Film aus Erinnerungen zieht binnen Sekunden am geistigen Auge vorbei. Ja…genau das ist es… der…Ein Stubser reißt mich aus meinem Tagtraum – “Weinchen mein Kleener“ ..äähh… ja na klar Angie… Im Anschluss ließen wir uns das morgentliche Frühstück in der Einsamkeit der Natur schmecken.

Auch während des südafrikanischen Winters haben wir uns nicht von einer langjährigen Tradition abbringen lassen – Glühwein trinken im Winter. An einem Platz, wo sich die verschiedensten Kulturen niedergelassen haben, darf natürlich auch dieses ganz spezielle Warmgetränk für kalte Jahreszeit nicht fehlen. Von den Einheimischen immernoch zum Teil etwas spöttisch betrachtet und mit Namen wie „Gluhwein“ oder „Hotwein“ bedacht, wächst doch Jahr für Jahr die Fangemeinde für diesen Rebensaft. Wo Mangel an Gelegenheit muss im Fall der Fälle auch mal eine größere Menge verputzt werden. Anlässlich eines Besuches eines Volksfestes in Franschhoek „soffen“ wir dem hoch erfreuten Besitzer mehrerer Liter des edlen Gesöffs buchstäblich den Topf leer, nicht aber ohne dem Versprechen, im Sommer auch mal die hauseigene kalte Variante zu probieren.

Der südafrikanische Winter hat uns auch anderweitig nach Drinnen getrieben. Unsere ausgedehnten Joggingläufe am Strand, ja wir wissen, man sieht es uns gar nicht an, haben wir an einen Hort der Eitelkeit verlegt – ins Fitnesstudio. Als Bonus auf die hiesige Mitgliedschaft in einer Krankenkasse gibts das gepflegte Indoorerlebnis an Lauf, Kraft und Schwimmakrobatic zum Schnäppchenpreis von 11 EUR monatlich obendrauf. Also nichts wie hin zu „Virgin Activ“. Ich habe mich bezüglich des Namens bei meinen englischsprachigen Freunden kundig gemacht und mal nach der Bedeutung gefragt, da sich diese mir nicht erschloss. Egal wie rum man die beiden Worte auch drehen mag, es ergibt keinen Sinn, wurde mir auch von dieser Seite aus bestätigt. Nichtdestotrotz nutzen wir nun regelmäßig das Angebot, um unsere müden Knochen nach getaner Sitzarbeit in Schwung zu bringen.

So nun ist aber endlich Schluss mit Winter…es reicht ja auch für dieses Jahr. Wir blicken nach vorn und freuen uns auf die wärmere Jahreszeit. Die Aktivitäten werden wieder nach Draussen verlegt, die Jacken können im Schrank bleiben und die Flip Flops zur Standardsohle sommerlicher Fortbewegung. Wir freuen uns auf neue Erlebnisse vor allem in unserem ersten Urlaub Ende Oktober und werden euch wieder berichten was uns bewegt hat.

In diesem Sinne eine schöne Zeit und bis bald

Eure Weltenbummler

Angie & Thomas

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