Australien

Wet(t)gemacht

Location: siehe Pointe
Zeitunterschied: + 6 Std.
Wetter: Frühling…so lala, mit Regen

„Ihr fahrt schon sechs Stunden vor eurem Flug zum Flughafen?“ hakte meine Kollegin Tina verwundert nach. „Ja natürlich, wir wollen ja schließlich nicht den Flug verpassen. Man weiß ja nie, gerade hier in Afrika“. Der Bus zum Airport ließ heute ungewöhnlich lange auf sich warten. Die Fahrgäste neben uns wurden schon langsam unruhig und wechselten im Sekundentakt das Standbein beim Blick in die Richtung, aus der der Bus eigentlich hätte kommen müssen. Nach dem Ausfall der ersten Linie drohte nun noch größeres Ungemacht. Eine halbe Stunde später wurde aus der Befürchtung Gewissheit: Unfall, Stau, kein Durchkommen mehr für den Bus. Der Ärger der anderen Fahrgäste trieb uns nur ein müdes Lächeln ins Gesicht. „Da gibt’s halt ein bisschen später Frühstück am Airport und wenn nicht,  Mittagessen wäre ja auch noch zeitlich drin.“

Ein tief hängender Kumulusflickenteppich verwehrte uns beim Landeanflug den ungestörten Blick auf unseren diesjährigen Urlaubsort und sorgte gepaart mit Wind aus wechselnden Richtungen für eine recht wacklige Landung. Urlaubsort, so richtig passend ist die Bezeichnung dann doch nicht. Einerseits würde man diesen urbanen Flecken Erde weitausweniger mit Ferien verbinden als unseren derzeitigen Wohnort Kapstadt, andererseits ist der Grund unseres Besuches primär ein anderer. Aber dazu später mehr. Verglichen mit anderen großen Städten dieser Welt strahlt das internationale Terminal hier eher ein Flair von Gemütlichkeit aus. Ich fühlte mich in etwa so wie auf dem Flughafen Leipzig. Alles schön, nett und modern aber irgendwie verschlafen. Das sollte sich aber recht schnell ändern. Der kostenlose Shuttelbus der uns zum räumlich getrennten Inlandsterminal brachte, setzte uns bildlich gesehen in einer Termitenkolonie ab. Nicht nur, dass hier ein Treiben wie im gleichnamigen Hügel herrschte, nein, auch die Farbe der meisten Passagiere fügte sich nahtlos in das Bild ein. Es wimmelte nur so von Mienenarbeitern in Arbeitskleidung und wer die Farbe der Erde dieses Landes kennt, hat sogleich den Bezug zum Termitenhügel wieder hergestellt.

Der nette Busfahrer der Linie 37 in Richtung Innenstadt beließ es bei einem Lächeln anstatt der eigentlich fälligen 4.80 pro Nase. Ihn quälte das gleiche Problem wie uns – kein Kleingeld. Nun unter dem Flickenteppich, aber dafür mit freier Sicht verschaffte er uns eine erste kleine Stadtrundfahrt durch die Vororte Kewdale, Belmont und Burswood, die dann schließlich im Zentrum der Stadt endete, wo wir den Bus verließen. Der erste visuelle Eindruck fiel nüchtern aus. Es lag wohl auch an der Örtlichkeit an der wir den Bus verlassen hatten. Moderne, gen Himmel strebende Architektur im 2.0 Style prägte das Bild. Die augenscheinliche, quadratische Ausrichtung des Stadtkerns macht selbst Orientierungslose zu Navigationsexperten und dürfte somit auch für die Generation „Google Maps“ ohne Hilfestellung zu bewältigen sein. Auf dem Weg zu unserem Hostel änderte sich das Bild aber recht schnell. Alte und neue Bausubstanz im angenehmen Wechsel mit viel Grün dazwischen – geht doch. Auch heute finden wir unser Hostel ohne einen digitalen Helfer. Zum 221-igsten mal heißt es- „Willkommen Daheim“.

„Schon wieder“ – fielen genau diese Worte und das dazugehörige Nass beim Blick aus dem Fenster. Es war wie verhext, möchte man meinen, und ich sah mich genötigt gegenüber unserem Freund Alamim, der hier seit über drei Jahren lebt und nie ein solches Wetter erlebt hat, den Hansi Schiemenz Urlaubswettergedächtniswitz ins Englische zu übersetzen: „Es hat nur zweimal geregnet in unserem Urlaub – einmal drei und einmal sieben Tage“. Das Wetter war aber auch zum Haare raufen. Nicht, dass es die ganze Zeit geregnet hätte, aber zumindest dann, wenn wir uns Draußen aufhielten. Der Höhepunkt der Wasserspiele ereignete sich übrigens am gleichen Tag, wie unser erster Besuch bei einem Rugbyspiel. Sturm und Temperaturen um die 11 Grad über Null ließen wenig Freude neben dem Spiel aufkommen. Zumindest gewann das heimische Nationalteam, zwar knapp, aber immerhin, gegen Argentinien. Eine Lösung musste her, wollten wir doch nicht zwei Wochen im Regen stehen.

Alamin, unser brasilianischer Freund, nahm sich reichlich Zeit, um uns seine neue Heimat vorzustellen. Kennengelernt hatten wir Ihn vor gut 1 ½ Jahren in Johannesburg, wo wir die selbe Lodge bewohnten. Nun konnten wir also unser Versprechen einlösen und statteten ihm einen Besuch ab. Interessant für uns war zunächst zu erfahren, dass sich das zuvor etwas verschlafene Städtchen in den letzten Jahren enorm entwickelt hat. Wo es viel Arbeit und somit auch Geld zu verdienen gibt, werden Menschen aus allen Herrgottsländern angelockt. Gerade der asiatische Einfluss lässt sich dabei nicht mehr hinwegdenken, ist man doch beim Anblick des Straßenbildes geneigt zu sagen, dass jeder Zweite hier aus diesem Teil der Erde stammen müsste. Einhergehend damit mischen sich neue kulturelle Einflüsse und Althergebrachtes und bilden in einem bunten Kulturmix neue Strukturen heraus. Auch, wenn man wie wir zum ersten Mal durch die Straßen schlendert, müsste einem sofort die Vielfalt in Puncto Essen- und Ausgehmöglichkeiten ins Auge fallen. Hilfreich dabei ist es natürlich, mit einem Ortskundigen wie Alamim unterwegs zu sein, findet man doch so wesentlich schneller die Geheimtipps der Stadt. Uns hat es am Besten in „Fremantle“ gefallen, dem von alten viktorianischen Gebäuden geprägten Vorort direkt an der Küste. Aber auch der innerstädtische Stadtteil „Northbrigde“ hält ein reichhaltiges Repartoire an Möglichkeiten für die verschiedensten Geschmäcker bereit und hat das Potential sich in Zukunft noch mehr als zentrales Ausgehviertel zu etablieren.

Nach einer Woche mit mäßigem Wetter entschieden wir uns, ein Auto zu mieten und ein Stück weiter in Richtung Norden zu fahren. Neben der Hoffnung auf besseres Wetter sollte unsere Klappe auch noch die Fliege „Sightseeing“ schlagen. Nach gut einer Stunde Fahrt erinnert fast nichts mehr an Zivilisation, außer den Resten immer wiederkehrender Zusammenstöße zwischen springenden und rasenden Zweibeinern. Mannshohes Buschland auf roter Erde prägt das Bild soweit das Auge reicht, nur geteilt durch den scheinbar endlosen Asphaltstrich vor uns, der dem Horizont entgegen läuft. Wie in Trance steuere ich unser Gefährt durch die scheinbare Monotonie der Landschaft. Während meine Augen zwischen Geradeaus, Rückspiegel und Tacho wandern laufen im Hintergrund die Gedanken auf Hochtouren, rufen Erlebtes der letzten Tage zurück, vergleichen und bewerten dieses und packen es im Anschluss sorgsam in eine Schublade des Erfahrungsregals. Das Schlafgeräusch neben mir lenkt mich kurz ab und sorgt gleichzeitig dafür, dass ich das Schild mit der Entfernungsangabe bewusst wahrnehme – noch 26 Kilometer bis zu den „Pinnacles“. Nach der Besichtigung des Areals mit seinen prägenden Kalksteinsäulen suchen wir uns ein Schlafplatz im nahegelegenen Örtchen. Wir fühlten uns ein bisschen wie in der tiefsten Uckermark, nur dass diese auch noch hinter den sieben Bergen liegt. Ich freue mich immer in diesen Orten auf den Besuch des Supermarktes und wurde auch diesmal nicht enttäuscht. Von außen betrachtet hatte die Szene beim Betreten des Marktes etwas von „Kolumbus“ oder der ersten Begegnung zwischen „Menschen und Außerirdischen“, mal ganz dahingestellt, wer hier welche Rolle inne hatte. Dem anfänglichen Abtasten und Beäugen des Fremden folgt der Einstieg in die Kommunikation: „Anything else?“ (Noch etwas?). Wir tauschten unsere Silberlinge gegen Ketchup ein und genossen den Rest des Abend sowohl kulinarisch als auch gesellschaftlich mit Zweibeinern beider Gattungen.

Unsere Bitten wurden erhört und mit jedem Meter gen Norden wurde die Wolkendecke über uns brüchiger, sodass die Sonne mehr und mehr ihre Wirkung entfalten konnte. Gemütlich schlichen wir mit unseren fahrbaren Untersatz die zum Teil schier endlos scheinende Gerade entlang und ließen uns einfach mal überraschen was als Nächstes kommen mag.  An der Mündung des „Murchison River“ in Kalbarri schlugen wir auf einem Campingplatz unser nächstes Quatier auf und verbrachten zwei Tage dort. Mit kleineren Ausflügen an die bekannte Steilküste in der Nähe des Ortes sowie den Canyon entlang des Flusses, verdingten wir uns die Zeit. Alles in allem ließen wir es aber diesbezüglich gemütlich angehen, sodass Relaxen den Großteil des Tages füllte. Unseren letzten Stopp bevor wir uns wieder auf den Rückweg gen Süden machten, legten wir in „Monkey Mia“ an der „Shark Bay“ ein. Bekannt ist dieses Örtchen für die tägliche Fütterung wilder Delphine am Strand, bei der „Homo Urbanus“ einmal auf Tuchfühlung mit Flipper gehen kann. Es wirkt äußerlich betrachtet schon etwas touristisch, aber von Seiten der Naturschutzbehörde achtet man doch sehr darauf, dass der Tümmler selbst entscheidet, ob er sich einen gereichten Fisch holt oder nicht. Abschließend sei noch ein Punkt für die Statistik erwähnt: „Wir wurden richtig nass hier und das diesmal nicht durch Wasser von oben“.

Wir stehen mit unserem Auto irgendwo im Nirgendwo. Nachdem wir „Monkey Mia“ verlassen hatten, fuhren wir den ganzen Tag in Richtung Süden, bis uns die Nacht einholte. Dann hieß es Zwangspause einlegen, denn ohne ausreichenden Rammschutz am Auto, wäre eine Weiterfahrt zu risikoreich. Eine feste Unterkunft sparen wir uns für diese Nacht, der Autositz muss reichen. Die örtliche Infotafel von „Eneabba“ weist geschlagene 286 Einwohner aus. Den Letzten sahen wir vor Stunden, als er gegen 19 Uhr die örtliche Tankstelle abschloss. Draußen stürmt und regnet es nach „Strich und Faden“. Eine Kulisse die nicht gerade das sorglose Einschlafen födert. Ich schalte mal mein Netbook an und siehe da zwei kleine WiFi Balken haben sich auch in diese Gegend verirrt. Angie schläft seelig neben mir, die Andere hat gerade die Wahl gewonnen. Auch unser lokales Eishockey Team hole ich mir in unser mobiles Wohnzimmer, verdammt, wieder eine Klatsche. Die Saison fängt ja gut an. Gegen drei Uhr nachts gehe ich zum hoffentlich letzten Mal auf Toilette, die sich zu meinem „großen Glück“ nur wenige Meter neben unserem Parkplatz befindet. Bevor ich richtig einschlafen kann, kündigt sich schon wieder der neue Tag am Horizont an. Nun gut, weiter gehts.

Das Schreibblöckchen in der Einen, den Stift in der anderen Hand schreiten wir die Regale des örtlichen Discounters ab. Wir wollen uns einen Überblick verschaffen mit was wir rechnen können oder müssen. Wie in der ganzen Welt so sind auch hier einige Produktgruppen teurer, andere auf das Land bezogen verhältnismäßig günstig. Der Stift kreist in unserem Notizblock auch bei den Themen Wohnungs- bzw. Arbeitsmarkt. Wir schauen uns um, führen Gespräche und loten Erfordernisse und Möglichkeiten aus, die das Land bietet. Es hat uns sehr gut gefallen an der Westküste, vielleicht auch, weil wir diesmal mit einer anderen Erwartungshaltung erschienen sind. Es ist irgendwie australischer im Westen, eher so, wie wir es vor dem ersten Besuch erwarten hätten. Wet(t)gemacht. Und vielleicht heißt es ja in naher Zukunft einmal. Willkommen daheim, in Perth.

Bis zum nächsten Mal

Eure beiden Weltreisenden

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